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DR.G
Mül
Flugschnee : Roman
Müller-Wieland, Birgit, 2017| Verfügbar |
Ja (1)
|
| Exemplare gesamt | 1 |
| Exemplare verliehen | 0 |
| Reservierungen | 0Reservieren |
| Medienart | Buch | ||||
| ISBN | 978-3-7013-1248-1 | ||||
| Verfasser | Müller-Wieland, Birgit
|
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| Systematik | DR.G - Gesellschaft-, Liebes- und Eheromane | ||||
| Schlagworte | Familiengeheimnis, Verschwinden | ||||
| Verlag | O. Müller | ||||
| Ort | Salzburg | ||||
| Jahr | 2017 | ||||
| Umfang | 343 S. | ||||
| Altersbeschränkung | keine | ||||
| Sprache | deutsch | ||||
| Verfasserangabe | Birgit Müller-Wieland | ||||
| Annotation | Simon ist verschwunden. Der junge Mann scheint sich in nichts aufgelöst zu haben. Und während die Eltern nicht die leiseste Ahnung haben, was mit ihrem Sohn geschehen sein könnte, weiß seine Schwester Lucy: Simons Verschwinden kann nur mit einem Weihnachtsfest vor vielen Jahren zusammenhängen. Damals, als unangekündigt Gäste kamen. In ihrem Gepäck eine Botschaft, die das mühsam aufrechterhaltene Familienidyll zum Bersten brachte. ---- Quelle: Literatur und Kritik; Autor: Karl Müller; In der »nördlichen Schneewildnis« Birgit Müller-Wielands Roman »Flugschnee« Was ist da im Spiel? Welch Unausgesprochenes, Verschwiegenes, Tabuisiertes aus einer undeutlichen Vergangenheit ist es, das da unentwegt rumort und das multiperspektivische Erzählen dieses Romans spannungsreich in Gang hält? Hat denn Simons plötzliches, besonders für Schwester Lucy überaus schmerzlich empfundenes Verschwinden auch irgendetwas mit jenem Ungreifbaren zu tun mit jenem unbekannten, aber doch wirkungsmächtigen, dem familiären Tabu unterworfenen und sukzessive ans Licht kommenden Liebesverrat von Großmutter Helene? Aber Simons Schicksal bleibt letztlich unaufgeklärt die beiden bedrängenden Erzähl-Wirklichkeiten wollen nicht zusammen kommen und spiegeln auf diese Weise eine nicht zu versöhnende Welt wider, auch wenn sich Lucy, die junge Frau, ihre eigene Wahrheit, nicht zuletzt über die Motive und den Charakter ihres Bruders, im Nachhinein zurechtzuzimmern weiß um den Schmerz zu ertragen, um sich eine rationale Erklärung zwecks psychischer Stabilisierung zurechtzulegen? Lucy fragt sich viele Jahre danach: »Warum haben alle geschwiegen, ausnahmslos alle, warum wurde nie ein Wort verloren über jene Weihnachten [als Großmutter und die Familie die Vergangenheit einholte und sich ihr Sohn Arnold, der Vater Lucys und Simons, als Kuckuckskind entpuppte], was verbargen sie vor uns, wovon wollten sie uns fernhalten, wovor schützen? [] Und nun weiß ich«, so fantasiert sie, »was du, Simon, seit jenen Weihnachten damals mit dir herumgetragen hast. [] Irgendwann im letzten Jahr muß es dir bewußt geworden sein, was passiert ist.« Kann aber dieses Erlebnis der damals noch minderjährigen Kinder ausreichen, um sich jetzt plötzlich davonzumachen und alle/alles hinter sich zu lassen, wie es Simon tut? Der angesichts des Verschwindens ihres Bruders? offensichtlich im Drogenrausch abgestürzten und an einem Schädel-Hirn-Trauma laborierenden Lucy gehören die umfangreichsten Passagen des Romans, auch die Ouverture und die Coda dieser faszinierenden, mehrstimmigen und leitmotivartig durch sprechende Zeichen (Schnee, Weihnachten, Kälte, Kreuz) fundierten und mit anspielungsreichen, mehrfach dekodierbaren Sätzen versehenen, also penibel durchgearbeiteten Romankomposition. Lucy, die Studentin, lernen wir in ihren fiktiven Gesprächen mit ihrem Bruder Simon, mit ihren Halluzinationen, Fantasien, Wachträumen, mit ihren zwischen Traum und Wachheit angesiedelten Gedankensplittern und Assoziationen und tief in die Kindheit hinabreichenden Erinnerungen, Einbildungen, Verletzungen, Ängsten und Wünschen, ihren Scham- und Schuldgefühlen, auch ihrer Lebensverzweiflung und den Liebesenttäuschungen »wie es noch nie gereicht hat bisher« am besten von allen Figuren kennen. Aber auch die inneren Welten, die differierenden Wahrnehmungen sowie in ihren jeweiligen Leben Eingeschlossenen, Mutter Vera, Vater Arnold und die Großeltern väterlicherseits, Lorenz und Helene, lernen wir kennen. Viele Spuren dessen, was bei Lucy ins meist halbwache Bewusstsein steigt, finden wir auch in den Passagen der anderen Familienmitglieder von einer anonymen Erzählinstanz mitgeteilt, aber meistens in erlebter Rede, in Formen des inneren Monologs, ganz nah am jeweiligen Subjekt, vermittelt. Was aber ist es, was mir besonders nachgeht, so dass mich Birgit Müller-Wielands neuer Roman nicht loslässt und umtreibt? Spielen meine eigenen Erinnerungen an ihre Prosa seit den späten 1990er Jahren oder an ihre Lesung beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb im Jahre 2000 eine Rolle, als sie, damals von Robert Schindel vorgeschlagen, über die Schmerz- und Schulderfahrungen, besser, die mäandernden, zwischen Traum, Halbtraum und Realität changierenden Assoziationen einer Frau erzählte, deren Sohn plötzlich verschwunden war? Fast alle Jurymitglieder gaben damals empörend Unverständiges, Besserwisserisches und beschämend Abschätziges von sich. Was ist im Spiel, so dass mir dieses Buch nicht bloßes Lesefutter ist ausgelesen, abgehakt, weggelegt, dem Vergessen ausgeliefert, sondern sich einhakt. Es ist nach geraumer Zeit erst der zweite Roman Müller-Wielands nach dem 2005 publizierten Das neapolitanische Bett. Viele von der Autorin favorisierte Grundmotive und Aspekte ihres Kosmos (u.?a. vielfach beschwiegene und geheimnisvolle Vergangenheiten; das unerklärbare Verschwinden von Menschen; Schein und Sein, Doppelbödigkeiten, Entfremdungen, Liebesverrat) ihrer frühen Prosa, neben dem ersten Roman auch Die Farbensucherin 1997, Wohin auch immer 2009, werden zwar weitergeführt, tauchen nun aber in verdichteter, klug und fein verwobener, musikalisch komponierter und in einer konzentriert am Exempel einer Familiengeschichte gezeigten Form auf, so dass Flugschnee eine neue literarische Qualität gewinnt und die gereifte Handschrift dieser Schriftstellerin belegt, einer Künstlerin der Andeutungen, der »feinen Schwingungen unter der Oberfläche« (Silvia Sand 2009 über Wohin auch immer). Flugschnee ist ein mehrstimmiger Text mit einer zeitlichen Tiefendimension über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg. Neben Lucy wird nämlich Großvater Lorenz, Großmutter Helene und den Eltern Vera und Arnold jeweils eine Stimme gegeben, schließlich auch zwei aus Italien ins schneereiche Hamburger Weihnachten anreisenden und das familiäre Geheimnis aufdeckenden Besuchern. Jeweils zwanzig Jahre vor jenem Verschwinden Simons bekommen wir so Einblicke in das, was diese Menschen umtreibt, und zwar in Form ihrer selektierenden Erinnerungen angesichts des prinzipiell prekären Gedächtnisses. So konstruiert der Roman Aspekte seiner Welt einmal aus dieser, einmal aus jener Perspektive , oft weiß nur eine Figur etwas, was eine andere nicht erinnert. Den Frauen freilich wird mehr Gewicht gegeben, auch wenn das, was von den beiden Männern zu erfahren ist, nicht minder wichtig und beklemmend ist. Da ist Lorenz, der Großvater, der pensionierte Arzt und dilettierende Cembalist und der mit dem Alter kämpfende Mann, mit seinen wiederkehrenden Erinnerungen an seine im Bombenkrieg tragisch getötete Mutter Johanna, sein lebenslang verheimlichtes oder sich selbst nicht zugestandenes Wissen um die tatsächliche Vaterschaft seines Sohnes Arnold, mit seinen Gedanken an Zeiten der frühen Liebe zu Helene und an seinen älteren Bruder Arnold Ernst, einen begeisterten Jung-Nazi, der schließlich zum Verräter an seinem Vater, einem nazikritischen Polizisten und Erfinder, und dessen Familie werden sollte, oder mit seinen Beobachtungen seiner zunehmend dement werdenden Ehefrau und mit den ersten Eindrücken von jener Österreicherin namens Vera, die seine Schwiegertochter wird. Da ist die Großmutter Helene, der die Autorin neben Lucy die meiste Aufmerksamkeit schenkt, die zur Schlüsselfigur des Romans avanciert und zum Inbegriff eines immer stärker ins Dämmern geratenden Gedächtnisses wird. Ihre prekären Erinnerungen sind es, die uns über ihre Schwiegereltern und deren älteren Sohn Arnold Ernst mehr erfahren lassen, als wir durch ihren Mann Lorenz wissen. Helene wird als eine fantasiereiche, lit 1cd2 eraturaffine, spontan diverse Verbote überschreitende und ihre Geheimnisse bewahrende Frau, aber auch als Mädchen (z.?B. Freundschaft mit einer der Goebbels-Töchter auf Schwanenwerda) fassbar gewissermaßen der Verhängnis-Ursprung des Romangeschehens. Ihr sexuelles Capri-Erlebnis mit einem Freund des gefallenen Arnold Ernst und dessen Folgen wird neben dem Trauma von Simons Verschwinden zum Angelpunkt des Romans. Vera, die aus Österreich kommende, aus einer ehemaligen siebenbürgischen »Landler«-Auswanderer-Familie abstammende Bildhauerin, die von Peter Weiss mythologischen Gestalten und widerständigen Botschaften aus seiner Ästhetik des Widerstands inspirierte und faszinierte Mutter von Lucy und Simon sowie geschiedene Ehefrau Arnolds, Tochter von bei einer Naturkatastrophe ums Leben gekommenen Eltern und Enkelin von nach Russland deportierten Großeltern, können wir beobachten, wie ihre Träume und Assoziationen vom aktuell Familiären in Vergangenheit und Gegenwart (z.?B. verschwiegene Abtreibung, Scheidung, Entfremdung zwischen Lucy und Vera) bis zu ihren künstlerischen Interessen springen. Schließlich kommt auch Arnold ins Spiel, das Kuckuckskind Helenes zwischen seinen beruflichen Karriere-Problemen als akademischer Osteuropa-Historiker und scheiternder Familienvater. Die Autorin muss sich auch ziemlich gut im akademischen Milieu auskennen. Alle Erinnerungen überlappen sich, kommen aber klarerweise nie zur Deckung, denn die eine und einzige Wahrheit, die eindeutige Wahrnehmung ist nicht zu haben, höchstens Plausibilitäten und wahrscheinliche Annahmen über tatsächlich Vorgefallenes stellen sich ein. Vieles ist und bleibt im Ungewissen. Beklemmende familien-, (zeit-)geschichtliche und erinnerungstheoretische Aspekte greifen ineinander, verschränken sich in einigen Bewusstseinsströmen, in denen sich das Nicht-Zugelassene immer wieder seine Bahn bricht. Es handelt sich um einen weitgehend im bürgerlichen Milieu angesiedelten, nicht mühsam zu lesenden Roman, der aber eine aufmerksame, die Zwischentöne wahrnehmende Leserschaft erfordert, um die zarte Schönheit und die komplexen Botschaften, die Haupt- und Nebengeleise dieses Textes erfassen zu können: Gedächtnis und Erinnerungen sind brüchiges Eis, Vergessen und Erinnerungslöcher können Schutzengel sein, das Leben ist ein gefährliches Abenteuer, jede Generation hat ihre Entfremdungen, Abgründe, ihre Leichen im Keller, unerledigte, unabsehbar fortwirkende, vererbbare (?) Geheimnisse, Träume und Halluzinationen enthalten pralle Wahrheiten die Gegenwart ist voll von Vergangenheiten, was wissen wir voneinander? Die heile Welt eine Schimäre. Flugschnee deckt nur oberflächlich zu. Wir freuen uns sehr auf Birgit Müller-Wielands nächstes poetisches Kunststück. ---- Quelle: Pool Feuilleton; Diese weiße Masse, die ständig in der Luft die Richtung wechselt, in alle Ritzen dringt und im Wind die unmöglichsten Skulpturen aufhäuft, ist auch für Psychologen ein metaphorisch höchst aufgeladener Stoff. Birgit Müller-Wieland setzt gleich zu Beginn die Heldin Lucy dieser Flugschnee-Masse aus. In einem Berliner Garten spielt das Wetter im Dezember verrückt, in der amorphen Wetter-Masse geht jegliche Sicht verloren, und Lucy ist in einen Erinnerungssturm eingetaucht, zumal sie unter Schock steht, weil ihr Bruder Simon verschwunden ist. Lucy weiß noch nicht, wie in diesem Anstürmen der Gedanken die einzelnen Stränge verknüpft sind, sie ahnt, dass sie am Endpunkt einer langen Familiengeschichte angelangt ist. In die Vergangenheit lässt es sich nur zurücktasten, wenn man ein größeres Erinnerungsfundament aufbaut, au dem aus die Figuren zusammenlaufen. So ein Erinnerungspolster ist ein Familientreffen vor gut zwanzig Jahren in Hamburg, wo Eltern und Großeltern vorsichtig von ihren ungeraden Biographien erzählt haben. Dabei ist nichts so glatt abgelaufen, wie man es in der offziellen Familiengeschichte gerne erzählt, die Frauen haben eine Abtreibung hinnehmen müssen, weil es die Umstände verlangt haben, die Männer sind immer Karrieren am Seidenen Faden hängend nachgelaufen. Was wie eine tolle Professorenstelle ausschaut, ist letzten Endes ein Produkt aus Intrigen und Institutskämpfen. Und auch das lose Herumziehen einzelner Vorfahren durch Europa hat immer auch einen politischen Hintergrund. Die Protagonisten treten dann auch im Erinnerungsprofil auf, erzählen vom Verschüttet sein in einem bombardierten Nazikeller, von der österreichischen Dorfseele, die in der Großstadt untergeht, von Häusern, die gebaut und abgerissen werden wie Passfotos. Zwei Bücher helfen letztlich, eine Struktur in den Flugschnee der Familienwitterung zu kriegen. Einmal ist es der Roman "Kollacain" der schwedischen Autorin Karin Boye aus dem Jahre 1940, und zum andern der Epochenprägende Roman "Die Ästhetik des Widerstands", worin Peter Weiss das Anrennen der persönlichen Bildungsgeschichte an die Mauern der Gesellschaft beschreibt. Die Umwelt kennt sich mit Lucy nicht mehr aus, sie hat wieder ihren Schneesturm, heißt es recht hilflos, wenn sich die Heldin immer wieder in ihr Inneres vergräbt. Stimmen, Ermunterungen, Ermahnungen, nur in Bruchstücken dringt das eine oder andere durch das Weiß. Und Simon, da ist doch was, vielleicht ist er als Satzfragment da, vielleicht ist er fort, die Polizei sagt, man kann nicht ausschließen, dass er beim IS ist. Birgit Müller-Wieland erzählt anhand dieser Familiengeschichte, wie sich sich so schwer zu lesende Romane wie Kollacain und Ästhetik des Widerstandes als Therapie eignen können, um Ordnung in amorphe Verhältnisse zu kriegen. Anstrengend, aber es scheint zu funktionieren. Helmuth Schönauer |
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